Wir wollten von den Mitarbeitern des Vereins "Manns-Bilder. Unabhängiger Verein Männerzentrum in Tirol für Begegnung, Bildung und Beratung" etwas mehr zum Themenkreis Jugendliche und Gewalt und über die Arbeit des Vereins wissen. Oswald Zangerle machte deshalb mit Mag. Edwin Wiedenhofer und Mag. Gotthard Bertsch folgendes Interview.
Oswald Zangerle
In den Medien hört man immer wieder, dass Gewalt bzw. die Gewaltbereitschaft männlicher Jugendlichen zunimmt. Deckt sich das mit euren Erfahrungen und gibt es möglicherweise einen Unterschied zwischen Gewalt im öffentlichen Raum und im häuslichen Bereich?
Mag. Edwin Wiedenhofer / Mag. Gotthard Bertsch
Nach unserer Erfahrung nimmt die Anzahl der Gewalttaten bei männlichen Jugendlichen nicht zu.
Doch die Berichterstattung über Gewalt und die Bereitschaft, Gewalthandlungen anzuzeigen, nehmen zu. Es werden - und das finden wir gut - nicht mehr so viele Gewalttätigkeiten toleriert oder als zum Mannsein gehörend akzeptiert. Männliche Jugendliche haben sehr häufig zu wenig Informationen über Gewaltbereitschaft und Gewalttätigkeiten. Vom Phänomen der Gewalt aus betrachtet, gibt es kaum Unterschiede zwischen der Gewalt im öffentlichen und der im privaten Bereich. Aus der Perspektive des Empfindens der leidtragenden und der gewaltausübenden Menschen gibt es Unterschiede.
Oswald Zangerle
Ist die Anwendung von Gewalt immer eine bewusste Entscheidung des Gewalttäters? Die entsprechenden Verhaltensmuster werden oft bereits in der Kindheit eingelernt. Wo setzt die Männerberatung konkret an, um eine Verhaltensänderung herbeizuführen bzw. zu ermöglichen?
Mag. Edwin Wiedenhofer / Mag. Gotthard Bertsch
Der Gewalttat geht meist eine Entscheidung des gewalttätigen Menschen voraus, werden die einzelnen Schritte geplant, "kippt" die Gewaltbereitschaft in die Gewalttätigkeit. Das kann sehr schnell gehen und hängt oft von den eingeübten Verhaltensmuster der bisherigen Biographie ab. Die Männerberatung setzt bei der Eigenverantwortung des gewalttätigen Mannes oder Jugendlichen an.
Oswald Zangerle
Gibt es einen erkennbaren Zusammenhang zwischen Gewaltbereitschaft Jugendlicher und der Anerkennung bzw. Missachtung, die sie in ihrem sozialen Umfeld erfahren?
Mag. Edwin Wiedenhofer / Mag. Gotthard Bertsch
Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem geringen Selbstwert der gewalttätigen Jugendlichen und den Gewalttaten. Allerdings kann in keinem Falle die fehlende Anerkennung durch das soziale Umfeld für meine Entscheidung zur Gewalt verantwortlich gemacht werden. Das wäre ein Abschieben der Verantwortung. Wenn die Gesellschaft für das einzelne gewalttätige Handeln des Jugendlichen verantwortlich wäre, hätte er keine Chance, sein Verhalten zu ändern.
Oswald Zangerle
Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Fähigkeit, sich mit Worten wehren oder eben nicht wehren zu können und der Anwendung von Gewalt?
Mag. Edwin Wiedenhofer / Mag. Gotthard Bertsch
In der Beratung unterscheiden wir zwischen Aggression (Grenzen setzen, ohne körperliche Gewalt anzuwenden) und Gewalt. Kein Mensch, auch gewalttätig gewordene Jugendliche, können ohne Aggression leben, alle brauchen wir unsere Aggressionen um uns abzugrenzen. Je weniger Möglichkeiten ich habe, um meine Aggressionen mitzuteilen, um so größer ist die Gefahr, dass ich gewalttätig werde.
Oswald Zangerle
Was sind eure wichtigsten Angebote für Jugendliche? Wo könnt ihr beraten und weiterhelfen? Wo habt ihr eure bisher größten Erfolge in der Arbeit mit Jugendlichen?
Mag. Edwin Wiedenhofer / Mag. Gotthard Bertsch
Wir bieten den Burschen Einzelberatungen bei Konflikten aller Art, zu Partnerschaft und Sexualität, Coming-Out-Beratungen, Burschenberatungsgruppen zur Gewaltbereitschaft, zu Sexualität, zu Einsamkeit (Mobbing usw.) an. Für Burschengruppen gibt es zwei Projekte: Krafträume und Krisenintervention in Gruppen. (vergl. Burschberatungsfolder)
Wenn sich gewalttätige Burschen auf einen zum Teil mehrmonatigen Prozess einlassen und für ihr gewalttätiges Tun immer wieder die Verantwortung übernehmen, dann ist der Ausstieg aus dem Gewaltkreislauf möglich. Wir Männerberater dürfen dann miterleben, wie gewalttätige Burschen ihre Gewaltbereitschaft merken lernen und dann Möglichkeiten entwickeln, sich ohne Gewalt abzugrenzen. Wenn jene Burschen diesen Veränderungsprozess im Laufen halten, ist die Erfolgsrate recht hoch - höher als bei erwachsenen Männern. Die Veränderungen betreffen die gesamte Persönlichkeit. Von vielen Menschen werden sie wieder geachtet und respektiert, die Angst vor ihnen wird geringer. Andererseits verlieren sie auch Freunde, weil sie nicht mehr bereit sind, sich gewalttätig Erleichterung zu verschaffen. Es müssen dann neue Kontakte geknüpft werden...
Oswald Zangerle
Warum, mit welchen Anliegen kommen Jugendliche zur Männerberatungsstelle?
Mag. Edwin Wiedenhofer / Mag. Gotthard Bertsch
Konflikten in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz, Kontaktschwierigkeiten mit Gleichaltrigen, Belastungen in der Partnerschaft/Sexualität, Kontaktschwierigkeiten mit Mädchen, Homosexualität, Ausbildungsprobleme ....
Oswald Zangerle
Häufig werden Buben und Burschen auch Opfer von Gewalthandlungen durch andere, meist durch Männer oder andere Burschen. Was würdet ihr diesen Jugendlichen raten?
Mag. Edwin Wiedenhofer / Mag. Gotthard Bertsch
Diese Jugendlichen geben wir Raum, offen und ehrlich ihre Erlebnisse anzusprechen. Wir werden sie aufrichten und stärken, damit sie mutig die Gewalthandlungen der anderen stoppen können. Das heißt konkret: keine Gewalt im Bekanntenkreis tolerieren, sich mit jenen, die andere Möglichkeiten, sich zu wehren haben, solidarisieren, sich Unterstützung und Hilfe holen, seien es Vorgesetzte oder auch Exekutivbeamte. Das ist mutig.
Oswald Zangerle
Wie können Jugendliche lernen, Konflikte konstruktiv zu lösen?
Mag. Edwin Wiedenhofer / Mag. Gotthard Bertsch
Alle Jugendliche können das schon, zumindest in einem Lebensbereich. Es gilt, dieses gemachte Know-How in die anderen Lebensbereiche, die von gewalttätiger Konfliktlösung geprägt sind, zu übertragen.
Oswald Zangerle
Wie schätzt ihr vom Verein Manns-Bilder unsere Arbeit in den Berufskundlichen Hauptschulkursen ein. Habt ihr Anregungen oder Verbesserungsvorschläge, die ihr uns gerne mitteilen möchtet?
Mag. Edwin Wiedenhofer / Mag. Gotthard Bertsch
Die Arbeit der Berufskundlichen Hauptschulkurse ist unverzichtbar. Neben den besseren Einstiegsmöglichkeiten ins Berufsleben bringt Eure Tätigkeit für viele Jugendliche jenes Selbstwertgefühl, das mithilft, sich gegen Gewalt zu entscheiden. In den Kursen geht es ja nicht nur um reine Wissensvermittlung, sondern auch um wertvolles Know-How, wie "leben" in unserer differenzierten komplexen Gesellschaft geht. Als Verbesserung regen wir an: Die Räumlichkeiten gründlich sanieren und renovieren. Die Jugendlichen sollen so auch vermittelt bekommen: Ihr seid eine Ressource für unsere Gesellschaft. Ihr seid es wert, dass ihr in würdevollen Räumen euer Leben ändert. Wer das begriffen hat, ist auch bereit für diese Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Es ist uns klar, dass Ihr für diese Maßnahmen finanzielle Unterstützung braucht.
Wir bedanken uns sehr herzlich bei:
Mag. Edwin Wiedenhofer / Mag. Gotthard Bertsch
Männerberatung Manns-Bilder
Weitere Informationen: >> www.mannsbilder.at >>