Unsere Mädchen und
Burschen wachsen innerhalb weniger Jahre in die gesellschaftlichen Rollen von
Mann und Frau hinein. Ganz im Sinne von Gender Mainstreaming tut die
Beschäftigung mit den (eigenen) Geschlechterrollen also Not.
Geschlechtsspezifische Jugendarbeit ist einmal ein wichtiger Aspekt
lebenskundlicher Allgemeinbildung für den/die Einzelnen und zum Zweiten von
großer gesellschaftlicher Relevanz. Denn die Reflexion über das soziale
'Gemachtwerden' von Mann und Frau führt zur ganzheitlicheren Wahrnehmung der
eigenen Person und in der Folge zu einem anderen Umgang und Leben der
Geschlechter miteinander.
Jugend und Identität
Das Jugendalter ist einmal beherrscht vom Ringen um die eigene
Geschlechtsidentität und zum anderen von ersten Beziehungsversuchen zum anderen
Geschlecht, wobei das eine nicht losgelöst vom anderen zu betrachten ist.
Diese Entwicklungsaufgaben werfen bei Mädchen und Burschen
aufgrund der allgemeinen gesellschaftlichen Muster spezielle Probleme auf.
Beispielsweise tendieren Mädchen in der Phase der Identitätsfindung oftmals
dazu, sich verstärkt männlichen Strukturen (z.B. Machtgefälle, Schönheitsideal)
oder sogar konkreten Männern/Burschen zu unterwerfen. Burschen hingegen lehnen
sich bei der Definition ihrer eigenen noch unsicheren Männlichkeit häufig an
emotionsbeschnittene und/oder gewaltverherrlichende Vorbilder aus Umfeld und
Medien an.
Geschlechtssensibles Handeln und Begegnunsform
Im Hauptschulkurs
findet geschlechtssensibles Handeln ständig als grundsätzliche Begegnungs- und
Umgangsform statt. Das bedeutet, dass die MitarbeiterInnen der Berufskundlichen
Hauptschulkurse durch die eigene Reflexion ihrer Geschlechtsrolle als
alternative Vorbilder zu den klassischen Mann-Frau-Identifikationsfiguren
fungieren. Im weiteren wird im Hauptschulkurs bewusst darauf geachtet, den
Mädchen denselben Freiraum einzuräumen (etwa im Unterricht), wie die Burschen ihn
schon haben.
Selbstverständlich
ist, dass jegliche Form männlicher Gewaltanwendung sofort verhindert, mit den
Beteiligten verbalisiert und reflektiert wird.
Geschlechtssensibles Handeln und Sozialpädagogik
Ein großer Teil der
geschlechtsspezifischen Arbeit wird traditionellerweise von den
SozialpädagogInnen geleistet. Die alltägliche sozialpädagogische Arbeit
beinhaltet eine ständige bilateral emanzipatorische Einflussnahme, welche in den
Gruppenstunden und in Gesprächen zum Tragen kommt.
Weil aber die
Beschäftigung mit den Geschlechtsrollen so wichtig ist, findet zusätzlich noch
spezifische Burschen- und Mädchenarbeit statt, auch und gerade in der
Berufsorientierung, wo die Rollenbilder bekannter Weise großen Einfluss auf die
Wahrnehmung der eigenen Möglichkeiten und Kompetenzen haben.
Burschenarbeit
Der Widerstand von Burschen, sich mit der eigenen Geschlechtsrolle auseinander zu setzen, ist
traditionellerweise besonders hoch, da Selbstreflexion nicht ins Repertoire
klassisch-männlicher Verhaltensweisen gehört.
Externe Fachleute
Daher hat es sich als vorteilhaft erwiesen, kursfremde
Professionisten geschlechtsspezifischer Arbeit einzuladen. Mitarbeiter der
Männerberatung Innsbruck führen daher regelmäßig eine Fortbildung zum Thema
'Mann sein, Mann werden, was ist Männlichkeit' durch. Problempunkte wie der
eigene Umgang mit Gewalt und die Beziehungen zu Mädchen sind hier zentrale zu
behandelnde Aspekte.
Im Frühjahr steht ein praktischer Mediziner den Burschen Rede
und Antwort zu brisanten Themen wie beispielsweise der männliche Körper,
Geschlechtskrankheiten, Sexualität, aber auch Drogen.
Ausgangspunkt für die gerade in unserem Kurs hohe Bedeutung
einer Auseinandersetzung mit diesen Themen ist die für Pubertierende oft
fehlende Bandbreite an männlichen Identifikationsmöglichkeiten und daher ein
oftmaliges Festhalten an Mustern, die eine soziale Ungleichheit der Geschlechter
in der Gesellschaft zementieren.
Zusätzlich werden die innerhalb des Kursjahres auftauchenden
Problemstellungen, welche durch den Prozess der psychischen und physischen
Reifung, also Pubertät und Adoleszenz, ausgelöst werden, in einem anderen
Rahmen, mit anderen Personen behandelt, vertieft und in einem intimeren Rahmen
auf andere Art und Weise von den Teilnehmern angesprochen.
Ziel ist eine positiv besetzte Auseinandersetzung mit dem
eigenen und dem anderen Geschlecht, Darstellung der Vielfalt von möglichen
Rollenbildern und somit die Stärkung von Selbstvertrauen und Selbstempfinden.
Mädchenarbeit
Weibliches Selbstbewusstsein, unabhängig von der eigenen
Definition in Bezug auf Männliches, kann durch feministische Mädchenarbeit
gestärkt werden. In der Folge wird die eigene Weiblichkeit positiver besetzt und
Freundschaften zu Mädchen werden als wertvoll erlebt. Damit wird die u.a. für
das Klima im Kurs wichtige Voraussetzung für positive Gruppenbildung unter
Mädchen geschaffen.
Wie auch bei den Burschen gibt es oft Probleme, einen Zugang zu
den Mädchen zu finden, wenn auch nicht in einem derartigen Ausmaß. Denn die
Beschäftigung mit der eigenen weiblichen Geschlechtszugehörigkeit und deren
Bedeutung wird oftmals gleichgesetzt mit 'männerfeindlich' sein und bedroht so
in hohem Maße die oben genannte sehr zentrale Identitätsfindung durch
Kontaktaufnahme mit dem anderen Geschlecht.
Spezielle Angebote für Mädchen
Das Angebot von an sich schon spannenden Veranstaltungen
speziell für Mädchen hat sich als gut dafür geeignet erwiesen, den Blick weg von
den beängstigenden feministischen Aspekten und hin auf die interessante
Aktivität als solche zu lenken. Durch gemeinsame Veranstaltungen, die akzeptiert
werden können, weil sie vordergründig andere interessante Inhalte
transportieren, wird weibliche Stärke erlebbar. Weibliches Selbstbewusstsein ist
die Folge. Der Weg für weitere bewusstseinsbildende Arbeit mit den Mädchen wird
so geebnet.
In diesem Sinne fand gleich im Herbst (am Samstag und Sonntag
Mitte Oktober) ein Selbstverteidigungskurs für interessierte Mädchen
statt. Die dafür gewählte Variante Wendo vermittelt auf der einen Seite eine gut
anwendbare Technik, die gerade auch für unsere Mädchen, die zum Teil aus
schwierigen Milieus mit Gewaltproblematik stammen, sinnvoll ist. Zum zweiten
wird hier gezielt theoretisches weibliches Selbstbewusstsein aufgebaut. Das ist
besonders wichtig, denn nur ein selbstbewusstes Mädchen bringt den Mut auf, in
einer nicht erwünschten Situation 'NEIN' zu sagen.
Ferner sind auch und gerade Veranstaltungen, die die Mädchen
verstärkt mit Computer und/oder Technik in Verbindung bringen,
berufsorientierungsmäßig und selbstwertsteigernd äußerst sinnvoll. Auch heuer
findet wieder im Rahmen der Berufsorientierung
das für Burschen und Mädchen verpflichtende Betriebspraktikum in der Schlosserei
des ABZ Wattens statt. Im Kursjahr 02/03 konnten zwei KursteilnehmerInnen im
Zuge dieses Praktikums ihr Interesse und Geschick für die Arbeit mit Metall
entdecken, was dazu führte, dass sie in der Folge einen Lehrberuf in dieser
Branche ergriffen. Aber auch in den folgenden Jahren wurde das Interesse an technischen Berufen durch diese Möglichkeit der Metallbearbeitung immer wieder geweckt.
Zudem wird heuer eine Internet-Lernplattform speziell für
Mädchen zur Teilnahme auf freiwilliger Basis gepflegt. Die Lerninhalte werden
dabei aufgehängt an den Recherchen zu einem für die Mädchen brisanten Thema
vermittelt.
Die Rechnung, dass über Mädchenveranstaltungen zu bestimmten
Themen, die interessante Inhalte anbieten, der Zugang zu den Mädchen und damit
die Motivation für weitere Auseinandersetzung mit frauenspezifischen Themen
erreicht werden könnte, geht auf: Nach dem oben erwähnten Wendo - Kurs,
der bei den Mädchen auf reges Interesse gestoßen ist, haben diese schon eine
Vorstellung davon, was bei den speziellen Mädchen-Terminen in Zukunft auf sie
zukommen wird. Dementsprechend ist die anfängliche Scheu vor einer
Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechtsrolle gemildert und der Weg für
weitere mädchenspezifische Arbeit geebnet.
Mädchenarbeit und externe Fachfrauen
Zum Teil bietet die Sozialpädagogin in der Folge selbst Termine
an, so zB. eine Wendo - Nachbesprechung, einen Mädchennachmittag
bei Kaffee und Kuchen um gemeinsam Themen fürs Jahr zu sammeln. In
der Folge werden Professionistinnen zu den verschiedenen für die Mädchen
brisanten Themen eingeladen, wobei diese Veranstaltungen bei Bedarf mit moderiert werden,
zum Teil werden diese Stunden selbst gestaltet.
Der eigene Körper
Viel zu reflektieren gibt es beispielsweise beim Aufbau von
Selbstbewusstsein in Bezug auf den eigenen Körper: Der weibliche Körper ist dem
gesellschaftlichen Blick und der wirtschaftlichen Vermarktung schonungslos
ausgesetzt. Gerade bei jungen Mädchen sind Komplexe und eine überkritische
Selbstbewertung bis hin zu Essstörungen die Folge. Die Mädchen mögen und kennen
den eigenen Körper oft nicht.
Wichtig ist es also gerade auch, dass die Mädchen ein größeres
Körperbewusstsein erlangen. Beim Besuch einer Schulärztin können
sich die Mädchen eingehend und ohne Tabus über alle Fragen rund um ihren Körper
informieren. Häufig angesprochene Themen sind der Zyklus/Menstruation,
Geschlechtskrankheiten, Verhütung, Schwangerschaft und Abtreibung.
Um dem für die Mädchen ausgesprochen interessanten und in diesem
Rahmen zu wenig behandelbaren Thema 'Essstörungen und Diäten' ausreichend Raum
zu geben, wird eine Professionistin aus diesem Bereich eingeladen,
nämlich eine Mitarbeiterin des Arbeitskreises für medizinische Vorsorge.
Ebenso wird mit dem heißen Eisen 'Schwangerschaft und Abtreibung' verfahren.
Viele Mädchen bekunden, dass sie hierüber mehr wissen wollen. Ausreichend
Zeit um sich zu diesem Thema auszutauschen bekommen freiwillige Interessierte im April, wo die oben erwähnte Schulärztin dazu nochmals ausgiebig Rede und Antwort steht.
Sexuelle Selbstbestimmung
Ein weiteres Thema,
über das die Mädchen sich eingehender informieren wollen, ist der Themenbereich
'Missbrauch, sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung' und die Reflexion über den
individuellen Umgang mit diesen Gefährdungen. Denn Mädchen, die diese
Problematik nicht wahrhaben wollen, setzen sich durch diese Verdrängung und
allzu sorgloses Dasein einer verstärkten Gefahr aus. Und die anderen, die sich
des Risikos bewusst sind, haben zu kämpfen mit der Einengung der eigenen
Handlungs- und Entdeckungsspielräume und der damit verbundenen Frustration.
Diesem Themenbereich wird an einem Mädchentreffen vor dem
Kursabschluss Raum gegeben. Es geht dabei auch darum,
bei den Mädchen einen weiteren Blick auf die politische Dimension dieser als
persönlich erlebten Probleme anzuregen.
Zudem wird das Thema 'Missbrauch : Vergewaltigung' von einer Gruppe im Deutschunterricht eingehend durchgearbeitet.
Den vielfältigen Reflexionsmöglichkeiten über die gelebten Beziehungen zu Burschen und über den Stellenwert, den diese Beziehungen im eigenen Leben einnehmen (Lebensplanung!) wird eher in Einzelgesprächen sowie in der mädchenspezifischen Berufsorientierung Raum gegeben.
Geschlechtsspezifische Arbeit in der Berufsorientierung
Gender Mainstreaming in der Berufsorientierung
Dem oben bereits erwähnten für alle verpflichtenden
Betriebspraktikum in der Schlosserei des ABZ-Wattens folgt eine ganz konkret
beobachtbare Stärkung des weiblichen Selbstbewusstseins im technischen Bereich.
Außerdem wird hier parallel auch Burschenarbeit geleistet, weil diese sich an
die Anwesenheit von Mädchen am 'klassisch-männlichen' Arbeitsplatz und daran,
dass Mädchen dort gleich gute Arbeit leisten können, gewöhnen. Als ein auf die
Geschlechterproblematik sensibilisiertes Team achten wir besonders darauf, dass
sich hier die klassischen Strukturen nicht wiederum einschleichen, indem z.B. die
Burschen den Mädchen Metallarbeit abnehmen, die Mädchen dafür verstärkt Aufräumarbeiten leisten.
Im Rahmen des Unterrichtsfaches 'Berufsorientierung' gibt es auch
heuer wieder einen ausführlichen theoretischen Themenschwerpunkt
'Geschlecht und Beruf', wo man die Brisanz der Thematik für die Jugendlichen an
der Ausgiebigkeit und dem Einsatz, mit der die Vorurteile bezüglich der
Geschlechterrollen diskutiert werden, ablesen kann. Wir arbeiteten in diesem
Bereich mit nach Geschlechtern getrennten Gruppen, weil jeweils unterschiedliche
Probleme im Vordergrund stehen und weil es auf diese Weise für alle leichter
ist, gewisse Aspekte anzusprechen.
Es geht uns dabei vor allem darum zu vermitteln, dass
Geschlechtsrollenzuschreibungen und damit zusammenhängend die Festlegung von
Frauen und Männerrollen bzw. -berufen gesellschaftlich gemacht werden und nicht
einfach naturgegeben sind. Bei den Mädchen legen wir auch besonderen Wert darauf,
ihnen den Zusammenhang zwischen den Problemen von Frauen in der Arbeitswelt und
der weiblichen Lebensplanung transparent zu machen.
Für die Jugendlichen beider Geschlechter erachten wir es als
wichtig, grundsätzliche geschlechtsspezifische Ungleichheitsstrukturen am
Arbeitsmarkt eingehend ins Bewusstsein zu bringen, um Selbstreflexion anzuregen
und Mut zu machen, die klassischen Strukturen zu verlassen.
Mag. Maja Schütz/ Eva Plasil/ Peter Hofer/ Oswald Zangerle.
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