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Glockenmuseum Grassmayr

Am Donnerstag, den 26.02.2004 waren wir im Glockenmuseum Grassmayr in Innsbruck. Dieses Museum ist etwas ganz Besonderes. Es besteht aus einer Glockengießerei, in der seit 1599 Glocken gegossen werden.

Das Unternehmen wird inzwischen in der 14. Generation geführt. Der seit mehr als vier Jahrhunderten tätige Betrieb ist auf Glocken und Kirchturmtechnik sowie individuellen Kunstguss spezialisiert. Unter den österreichischen Glockengießereien ist die Firma Grassmayr Marktführer. Das Unternehmen mit Hauptsitz Innsbruck beschäftigt rund 35 Mitarbeiter.

Wir konnten im Rahmen unserer Exkursion den Weg vom Erz zur Glocke in Teilen miterleben. Das Glockenmuseum ist darüberhinaus auch ein Klangraum. In diesem Klangraum ist es möglich, das Motto "hören", "sehen" und "fühlen" dieses Familienbetriebes zu erleben.

Die Führung

Herr Grassmayr selbst führte uns durch das Glockenmuseum. Seine Liebe zu seinem Beruf war in jedem Wort spürbar und faszinierte unsere KursteilnehmerInnen ebenso, wie das unauffällig eingestreute Fachwissen. Viele unserer KursteilnehmerInnen werden ja einmal einen handwerklichen Beruf ergreifen. Hier einen Meister seines Faches fachkundig über die Restaurierung historischer Glocken oder die Herstellung des kompletten technischen Zubehörs für Glockenanlagen reden zu hören, gibt Zuversicht und Perspektive.

Geschichte der Glocke

3000 Jahre vor Christus wurden in China die ersten Glocken erzeugt. Im Christentum spielen Glocken erst ab dem 2. Jh. eine Rolle. Im 6. Jh. kamen Glocken durch iro-schottische Missionarsmönche nach Mitteleuropa. Kaiser Karl der Große war im 9. Jh. ein besonderer Förderer der Glocken. Besondere Fertigkeiten im Glockengießen hatten im frühen Mittelalter die Benediktinermönche. Mit dem Entstehen der Städte übernahmen im 13. Jh. städtische Handwerker das Glockengießen. Die Entwicklung der Glocken vom einfachen Klangkörper zum komplexen Musikinstrument erfuhr im 17. Jh. einen schweren Rückschlag. Durch den 30-jährigen Krieg ging nämlich sehr viel Wissen verloren. Trotzdem gelang es einigen wenigen Glockengießer Dynastien, ihre streng gehüteten Geheimnisse zu bewahren. Diese - heute würden wir sagen - Betriebsgeheimnisse betrafen vor allem das Klangbild der Glocken, das in der sogenannten Glockenrippe bewahrt ist. Diese "Rippe" ist die errechnete Wandstärke der zukünftigen Glocke, die auf eine Schablone gezeichnet wird.

Materialien einer Glocke

Folgende Materialien werden zur Herstellung einer Glocke bzw. der Glockenform verwendet:[1]

  1. Altlehm:

    der benötigte Lehm wird nach dem Guss wiederverwendet.
  2. Neulehm:

    als Beimengung zum Altlehm, um den Fettigkeitsgrad des Lehms zu erhöhen.
  3. Zierlehm:

    dünner Speziallehm; als erste Schicht auf den Wachsverzierungen.
  4. Asche:

    als Trennmittel zwischen Kern und falscher Glocke.
  5. Zuckermelasse:

    verstärkt den Gärungsprozess mit der Bierhefe.
  6. Ziegelmehl

  7. Graphit:

    wird zur Herstellung des feinen Zierlehms verwendet.
  8. Kälberhaare

  9. Gerstenhäksel

  10. Pferdemist

  11. Hanf:

    für die Stabilität des Lehms.
  12. Wachs:

    als Trennmittel zwischen falscher Glocke und Mantel sowie für die Bildmotive und Inschriften.
  13. Rindertalg:

    wird dem Wachs beigemengt.
  14. Quarzsand:

    zum Verschließen der Kernöffnung vor dem Guss.
  15. Draht:

    zur Verstärkung des Lehms.
  16. Holzkohle:

    ein Holzkohlenfeuer im Kern trocknet den Lehm der Glockenform.
  17. Metall:

    Glockenbronze, eine Legierung aus 80% Kupfer und 20% Zinn.
  18. Bierhefe:

    zur Gärung des Zierlehms und - wichtig - für den Glockengießer nach dem Guss!
  19. Ziegel:

    der Kern der Glockenform wird mit Ziegeln gemauert.

Funktionen von Glocken

Glocken haben verschiedenste Funktionen. Immer sind sie Mittel der Kommunikation. In Kriegszeiten waren sie wichtige Signalzeichen. Wie heute Radio- und Fernsehstationen wurden früher die Kirchtürme sofort besetzt. Aber auch in Friedenszeiten wurde etwa mit der Feuerglocke Alarm gegeben, wurde "Sturm geläutet", maß die Stundenglocke gemeinsam mit der Kirchturmuhr die Zeit. Moderne Schulglocken machen auch nichts anderes. Dem Hirten zeigen sie bei schlechter Sicht an, wo sich das Vieh befindet. Glocken rufen zu den wesentlichsten Ereignissen des Lebens zusammen,[2] das reicht von der Geburt bis zum Tod. Ihr Schweigen ist Zeichen der Trauer, ihr Sturmgeläut meldet Gefahr. Darüberhinaus sind Glocken wohl die größten Klanginstrumente des Menschen, die je gebaut wurden. Die wahre Kunst des Glockengießens besteht heute darin, den verschiedensten klanglichen Bedürfnissen den rechten Ausdruck zu verleihen und das unterschiedliche klangliche Umfeld miteinzubeziehen. Dazu ist es notwendig, die wichtigsten Töne vorauszuberechnen und z.B. die Gesamtharmonie eines Geläutes zu gestalten. Eine gute Glocke birgt immerhin an die 50 verschiedene Töne in sich.

Bilder aus der Glockengießerei

Klicken Sie auf die Bilder, um sie größer zu sehen!

Mädchen lässt Glocke erklingen..
Grube in Vorbereitung auf den Guss..
vier große Glocken..
zwei ummauerte Glocken..

viele kleine Glocken..
Bursche schlägt die Glocke an..
Die fertige Glocke..
Die Glocke wird mit dem Hammer zum Klingen gebracht..

Erklärung der Glockengiesserei vor der Grube stehend..
Blick auf die Glocke in der Grube.
Die Friedenglocke..

Die größte Glocke Tirols

Die größte historische Glocke Tirols ist die Marienglocke im Jakobsdom, gegossen von Grassmayr im Jahr 1846. Sie wiegt 7168 kg. 1961 wurde das Geläute durch sechs weitere Glocken Grassmayrs ergänzt. Sie wiegen zwischen 700 und 3200 kg. Das Glockenspiel im Nordturm des Doms ist das erste vieroktavige Carillon (= Glockenspiel) Österreichs. Es umfasst 48 Glocken mit einem Gesamtgewicht von 4100 kg. Zu besonderen Anlässen wird es von einem eigens ausgebildeten Glockenspieler (Carillonneur) gespielt.

Besuchen Sie die Website der Firma Grassmayr. Sie können dort die Glocken auch anhören: >> Glockengießerei Grassmayr >>


Anmerkungen

[1] Zitiert mit freundlicher Genehmigung der Firma Grassmayr aus der 21-seitigen Broschüre: "Vom Erz zur Glocke", Innsbruck 2004, Seite 20. In dieser Broschüre finden Sie übrigens äußerst anschaulich den Werdegang einer Glocke beschrieben. Die Arbeitsschritte Gussvorbereitung, Glockenguss, Bearbeitung und Tonkontrolle werden auf zwei Seiten sehr detailliert erklärt!

[2] Zurecht wird auch immer wieder darauf hingewiesen, dass Friedrich Schiller im Gedicht "Das Lied von der Glocke" die Formarbeiten der Glockengießerei treffend beschreibt. Dem Dichter kam der Gedanke zu diesem Gedicht, als er im Jahre 1788 in Rudolstadt die dortige Glockengießerei von Johannes Mayer besuchte. Schiller hat seinem Gedicht die Inschrift der berühmten Münsterglocke von Schaffhausen aus dem Jahre 1486 als Motto vorangestellt:

Vivos voco. Mortuos Plango. Fulgura frango.
Die Lebenden rufe ich. Die Toten beklage ich. Die Blitze breche ich.

Sie können das ganze Gedicht hier nachlesen: >> Das Lied von der Glocke >>

Auf der Website von Dr. André Lehr finden Sie eine Gegenüberstellung von Gedicht und glockengusstechnischen Erläuterungen: >> carillon-museum: Das Lied von der Glocke >>


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